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Archive for Januar 2008

Leo Baumfeld
Ein Interview mit Leo Baumfeld, Wien setzt den Anfang der e-b-v PodCasts. Mit Leo unterhalte ich mich über seinen Weg zu OE und Regionalentwicklung, sein Interesse an Organisationen und Organisationsentwicklung, über Transformation von Organisationen und darüber, welche aktuellen Entwicklungen im Bereich OE er sieht.

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Autorin: Heidi Glänzer, Freiberufliche Supervisorin, Organisationsberaterin, Therapeutin
zentrumUnnau@aol.com

„Wir bereiten nicht auf die Schule direkt vor“, ist die weitverbreitete Meinung in Kindertagesstätten und meint insbesondere disziplinarische Ausrichtungen in Bezug auf Stillsitzen, Melden und Üben speziell schulischen Lernstoffs wie Schreiben und Rechnen. Aber verweigern sich KiTas ebenso vehement dem Anspruch, Kinder auf das zukünftige gesellschaftliche Leben vorzubereiten?

Doch wohl kaum! Denn was sonst wäre die langfristige Aufgabe der KiTas als die Vorbereitung und das Hineinführen der Kinder in ihre und die gesellschaftliche Zukunft?

Umso wichtiger ist die Verständigung darüber, wie wir die Zukunft beschreiben und erfassen. Wie wird das Leben in 20 Jahren aussehen, welche Entwicklungen setzen sich durch? Welche Fähigkeiten müssen die Kinder mitbringen, welche Fertigkeiten entwickeln, um bestehen und ihr Leben meistern zu können? Nach welchen Werten sollen sie sich ausrichten? Und welche wollen wir ihnen heute vermitteln, die 20 Jahre später immer noch einen Bestand haben?

 

Seit einigen Jahren scheinen wir uns in den Anfängen einer Phase zu befinden, die sich mit den Begriffen der Globalisierung und der Individualisierung beschreiben lässt – neben vielen anderen Begrifflichkeiten. Die Ausmaße dieser Phase im Ganzen und die Auswirkungen auf den einzelnen Menschen sind noch nicht abzusehen, auch wenn viele Einzelelemente und Aspekte schon längst da sind und unsere tägliche Realität bestimmen.

Die KiTas erleben – wie andere Organisationen und Firmen auch -, dass ihr eigenes Fortbestehen nicht mehr fraglos gegeben ist. Die Sorge um die Zukunftsfähigkeit erreicht nach und nach wirklich jede Einrichtung als existentielle Bedrohung. Die immer schon bestehenden Vergleiche in einem Ort ( der evangelische und der katholische Kindergarten ) erreichen ein Maß an Konkurrenz, das es so noch nicht gegeben hat: Welche Einrichtung wird bleiben, welche wird geschlossen werden? Ein hoher Druck an Schnelligkeit ( wer hat für die 2jährigen die ersten Angebote und sichert so seinen Bestand?) und an individueller Akzentsetzung und besonderer Ausprägung ist entstanden: „Die KiTa mit der Lernwerkstatt“ – „ Der integrative KiGa“ – „Die KiTa mit der Offenen Arbeit“ – etc. Die inhaltlich prägnante Positionierung hebt aus dem allgemeinen Angebot heraus und sucht der Einrichtung einen guten Platz im Wettbewerb des Überlebens.

 

Ähnlich wie den Einrichtungen ergeht es den Menschen. Sie stehen unter Druck, sich darstellen und beweisen zu müssen, sich flexibel und extrem anpassungsfähig zu zeigen, um mit dem immer schneller werdenden Tempo mithalten zu können: Wie bringe ich mich ein im Wettbewerb? Wie gestalte ich mich, um aufzufallen? Was muss ich tun, um den „Zuschlag“ zu bekommen?

Ich habe die Möglichkeiten, mein Besonderes herauszustellen – und das Konsumangebot unterstützt mich dabei reichhaltig. Aber eben auch: ich muss es tun, wenn ich mit dabei sein möchte. Verlangt der ( nächste ) Job mich an einem anderen Ort, werde ich mich flexibel zeigen und meine Lebensmittelpunkte neu wählen.

Ein „normales“ Arbeitsleben, eine „normale“ Form der Zugehörigkeit scheint es nicht mehr zu geben; der Aushandlungsbedarf wächst: Wozu will ich gehören? Welche Bezüge gehe ich ein? – Wie will ich sie gestalten? Fragen, denen ich mich im Beruf, aber auch im Privaten stellen muss.

Die beruflichen Neuausrichtungen lassen sich an den Biografien und Lebensläufen gut ablesen: Der erlernte Grundberuf wird nicht – wie früher eher üblich – bis zur Rente ausgeübt, gar in dem einen „meinem“ Betrieb. Stellenwechsel des Arbeitnehmers entsprechen den Veränderungen auf Arbeitgeberseite: Heißt die Firma heute noch X, trägt sie morgen nach der Übernahme den Namen Y; die Führungsriegen kommen und gehen, die Mitarbeiterschaft wird outgesourct, umgesetzt, zwischengelagert. Stabile Bindungen können und sollen nicht mehr eingegangen werden; das Engagement an dem jeweiligen Einsatzort allerdings soll und muss hoch sein, auch im Wissen um die zeitlichen Begrenzungen.

Auf der privaten Seite steht der arbeitsbedingte Ortswechsel der Kontinuität entgegen: Soll ich mich in der Wohnheimat einbringen, wenn ich demnächst für längere Zeit fort bin oder auch ganz wegziehen werde? Und wenn ich mich einbringen möchte, wie gestalte ich mein Engagement? Doch wohl auch hier: eher kurzfristig, projektartig, sachlich betont, menschlich nicht zu tief verstrickt und gebunden.

Dem entspricht die Kommunikationsform: Schnell und flexibel mit vielen Menschen im Gespräch verbunden sein, freundlich und offen, eher auf die momentane Begegnung eingestellt, denn auf die lang anhaltenden Freundschaften: Wer weiß, ob mein Gesprächspartner morgen noch immer mein Kollege, mein Nachbar, mein Sportskamerad sein wird?

„Lass uns mailen“, ersetzt die Fortsetzung des Gespräches, ehe ich mit anderen zu reden beginne. Die technische Gesprächsführung bringt den kurzen, sachlich-inhaltlichen Aspekt der Botschaft in den Vordergrund, Emotionales wird eher in standartisierten Zeichen auf den Bildschirm gebracht. Die Vielfältigkeit in Worten und Stimmnutzung wird ausgehöhlt, spätestens bei SMS-Benutzung. Die Reduktion sprachlicher – und damit einhergehend gedanklicher – Breite und Lebendigkeit schreitet voran.

Ingesamt haben sich die Möglichkeiten des einzelnen extrem erweitert, bis hin zum „2. Leben“ in der second life Plattform. Gesellschaftliche Zwänge und Rollenzuschreibungen, die das Leben in feste Bahnen brachten und den Lebenslauf vorzuzeichnen schienen, sind scheinbar nicht mehr vorhanden. Ich kann mich neu entfalten und ständig neu entwerfen und meine Identitäten neu entwickeln.

Dass diese Freiheiten einen gewaltigen Schub an Energie und Potenzen in sich tragen und auslösen, liegt ebenso auf der Hand wie das begleitende Ausmaß an Angst und Unsicherheiten: Ich kann nicht nur gestalten, ich muss es auch. Überkommene selbstverständliche Bindungen, die ich einfach als Erbe übernehme und weiterlebe, gibt es kaum noch.

In den Betrieben ist die Vielzahl von Gruppen und Grüppchen, die es zur Bewältigung der arbeitsteiligen Aufgaben, aber auch als sozialisierende Instanzen zur Verständigung, Bindung und Zugehörigkeit gab, abgelöst im Prozess der Virtualisierung und der Globalisierung Face-to-face-Kontakte als das Normalmodell der Kooperation sind durch Vernetzung ersetzt; die selbst zu gestaltenden neuen Bindungen haben ein neues Kennzeichen: sie sind lose.

Flexible, ortsungebundene und zu jeder Zeit verfügbare Netze haben weitreichende Auswirkungen auf die Struktur der Arbeit und den einzelnen Menschen. Netzstrukturen haben multiple Optionen für Jederzeit-und-Überall-Beziehungen, wobei es eine permanente Steigerung von Wahlmöglichkeiten gibt. Gruppendruck und Solidaritätserwartungen, kontinuierliche Anwesenheit, Verfügbarkeit aller Mitglieder ( mit pünktlichem Beginn und Ende von Sitzungen ) sind nicht mehr notwendig und gefragt. Die Grenzen der Arbeit sind ins Fließen gekommen- Mit dem „Büro in der Aktentasche“ arbeite ich tendenziell überall und immer. Beziehungsgeflechte sind auf permanente Verschiebungen ausgerichtet, individuelle Ein- und Ausstiege das Normale. Der permanente Wechsel ist im Netz erlaubt und erwünscht. Das Bedürfnis, an möglichst vielen Erfahrungen und Erlebnissen gleichzeitig Anteil zu haben, wächst; damit steigen die Koordinations- und Bewältigungsleistungen. Das berufliche und private Leben wird aktuell und individuell zusammenstellt, das Selbstorganisationsprinzip ist gefragt.

 

In der strukturellen 1:1- Übersetzung bietet sich für den Bereich der KiTa damit die offene Arbeit wie selbstverständlich an. Im Wahrnehmen der eigenen Bedürfnisse ergreift das Kind in einem von ihm gewählten Raum relativ spontan die entsprechenden Spielangebote. Es bestimmt Anfang und Ende einer Aktivität, ebenso das Ausmaß, Intensität und Dauer von menschlichen Kontakten, sei es zu anderen Kindern, sei es zu Erwachsenen. Die Spontaneität wird begrenzt durch allgemeine Regelungen in der KiTa, die aber auch immer wieder befragt, diskutiert, verändert werden- Es ist ein permanente angelegter Aushandlungsprozess. Im Kinderparlamenten werden die Kinder als Einzelne zur Stellungnahme, Meinungsäußerung, Programmvorschlägen herausgefordert; hier wird vieles, was in früheren Jahren von Erzieherinnen gesetzt wurde, in gemeinsamer Abstimmung entschieden. Das Beobachten des einzelnen Kindes, die Dokumentation, das Herausarbeiten des je Besonderen und des Potentials des Kindes haben Angebote der Erzieherinnen weitgehend in den Hintergrund gerückt.

Im Ziel der Offenen Arbeit steht „das Kind“ als Individualwesen: es soll seine Persönlichkeit entwickeln; spontan soll es sein, kreativ, voller Interesse, fragend; es soll Entscheidungen treffen und Entscheidungen anderer akzeptieren, Kritik ausüben und aushalten.

 

Geschlossene Gruppen scheinen ein Relikt aus vergangener Zeit zu sein. Wenn die Tür sich hinter 25 Kindern und 2 Erwachsenen schließt, verengt sich für den Moment auch die Welt in diesen Raum.. In Freispielphasen finden sich Kindergrüppchen, die durch den geschlossenen Raum immer unter Beobachtung stehen und sich fühlen. Erzieherinnen können ständig eingreifen, konfliktregelnd, aber auch initiativ-aktiv mit Spielvorschlägen für die Kinder. Frühstückigen oder Toiletttengang fanden in der Großgruppe statt, der Vorgang der Kontrolle und Disziplinierung, der nur unter Zufall mit den Bedürfnissen des Kinder zu tun hatte. Kam zu den festgelegten Regelungen der Einrichtung noch der Druck der Eltern ( „Achten Sie darauf, dass mein Kind sein Frühstück isst“ ) und die eigenen Werte der Erzieherin ( „Du musst wenigstens probieren“), erhöhte sich der Druck auf das Kind und verschleierte den Zugang zu den eigenen Bedürfnissen weiter. Erziehungsziele und Werte wurden oft ungefragt weitergegeben, ganz so, als wären wir nicht das zweitdickste Volk der Erde!

Morgenkreise in großer Runde oder angeleitete (Bastel-) Aktivitäten ( nach der Freispielphase das „Eigentliche“ des Morgens) verstärkten die Ausrichtung auf das, was andere von mir wollen. Es ist zugleich das Produkt, nach der die Mutter fragt: „Was habt ihr denn heute morgen gemacht?“

Nach wie vor hat sich die Bastelaktion gehalten, wenn auch meist auf Anlässe (Muttertagsgeschenke, Laternen, etc ) reduziert. Das Beharren der Einrichtungen darauf (auch wenn die Gruppenerzieherin die Laterne dann schnell für das Kind „fertig macht“) zeigt, dass die Erzieherin mit diesen Aktionen eigene Werte verbinden.

Wenn die (Bastel-)Aktion dem Interesse des Kindes entspricht, wird es nach wie vor Angebote und Impulse bereitwillig und gern aufnehmen, entsprechend dem ungeheueren kindlichen Lerndrang. Wird es veranlasst, gerade jetzt stillsitzend zu basteln und wiederholen sich die Erfahrungen, wird es zu einer fremdmotivierten Person, die das Ausprobieren und später das Fragen in der Schule einstellen wird.

Die Gruppe als Grundmodell für den KiGa-Bereich intendierte ja, dass die Kinder lernen, sich auf die anderen Kinder einzustellen, Bedürfnisse auch mal zurückzustellen, langfristige Freundschaften aufzubauen, die Erzieherinnen als stabile Beziehungspartnerinnen zu erleben, und alles in einem hohes Maß an Stabilität und Gleichbleibendem ( der Raum, der Tagesablauf, die Riten,…).Dieses Grundmodell scheint vollkommen ausgedient zu haben und wird ja entsprechend durch zumindest „halboffene“ oder „projektorientiertes Arbeiten“ abgelöst oder ergänzt .

 

Aber selbst wenn die Offene Arbeit für die eigene Einrichtung gewählt und entsprechend speziell zugeschnitten wurde, so dass sich das Kind in den Funktionsräumen differenziert entwickeln kann, so hinken die alten Werte natürlich noch hinterher: Gesprächsfetzen und Fragen der Erzieherinnen signalisieren diese Ungleichzeitigkeit der äußeren Struktur der Einrichtung und der inneren Einstellung der Erwachsenen.

„Müsste er nicht langsam lernen, sich hinzusetzen und länger konzentriert bei einer Aufgabe bleiben?“ –

„Ich habe den Eindruck, sie hat gar keine richtige Freundin. Sie sucht sich immer neue Spielpartnerinnen.“ –

„Der Vater kommt nie pünktlich um 16.30 Uhr zum Abholen. Diese Unpünktlichkeit müsste er sich mal auf seiner Arbeit erlauben!“ –

„Darf der neue Partner der Mutter das Kind auch abholen? Vor kurzem hat sie sogar den ältesten Sohn des neuen Partners geschickt! Durfte ich ihm unser Kind mitgeben?“ etc.

Ich beobachte und messe an den Werten und Standards, nach denen ich sozialisiert wurde bzw. die ich mir in meinem Leben angeeignet habe. Das sind nun nicht die, die offensichtlich in unserer Gegenwart und Zukunft gefragt sind! Aber fraglos meine Werte weiter transportieren, das geht nicht! Denn was soll das Kind mit meinem Wert einer stabilen Beziehung anfangen, wenn es in seiner Patchwork-Familie lebt und sich in der einen Familie als Sandwich-Kind und in der neuen Familie als Ältestes erlebt und sich einfinden muss! Und das im haltwöchentlichen Rhythmus! Natürlich wird es im Rollenspielraum sehr viel fließender und flexibler sich darstellen müssen und seine Werte an momentan vorhandenen Beziehungen ausrichten und entwickeln.

Auch in der Wertevermittlung wird sich das Gewicht noch deutlicher dahin verschieben, dem Kind bei der Entwicklung des je Eigenen zu unterstützen.

Der Balanceakt zwischen „Was setze ich als Erwachsene von meinen Werten als Norm“ und dem fragenden Pol „Welches sind Werte der Eltern, der Gesellschaft, des Kindes“ wird sich verschärfen. Zu disparat sind die gesellschaftlichen Realitäten geworden, als dass es letztlich noch fraglos Selbstverständliches gäbe. Der Prozess der Multi-Kulti-Gesellschaft vor meiner Haustür ist durch die Aspekte der Globalisierung überrollt und in den Schatten gestellt.

Selbst wenn ich als Erzieherin möglicherweise immer schon im meinem Dorf gelebt habe und lange in dieser Einrichtung gearbeitet habe, im Privaten in festen Freundeskreisen und Vereinen integriert bin, kann ich nicht davon ausgehen, dass die stabile Insel die Norm des gesellschaftlichen Lebens darstellt und ich von daher meine Werte und pädagogische Zielsetzungen von hier gewinnen könnte. An den Eltern und Kolleginnen sehe und höre ich, welche Welten sich hier begegnen, ob Stadt oder Dorf. Und wie die konfessionellen Einrichtungen es längst aufgegeben haben, religiöse (christliche ) Werte als Norm zu setzen – ohne dabei auf die Benennung und die Besonderheiten der Konfession zu verzichten! -, so werden auch die anderen Werte mehr und mehr ins Fließen geraten: Wie käme ich dazu zu sagen, nur meine Art der ausführlichen und auf mein Gegenüber eingehenden Art der Kommunikation sei gut – aber mit vielen gleichzeitig reden / mailen / simsen sei oberflächlich? Wie käme ich dazu, einem Kind die Auseinandersetzung mit einer Aktivität als unkonzentriert zu bescheinigen, weil es nach meinen Kriterien nicht lange genug ( wie lange nach welchem Gradmesser?) dabei geblieben ist? Wie komme ich dazu, ein Kind ( mit welchen Worten auch immer ) als kleines egoistisches Monster anzusehen, weil es seine Bedürfnisse spürt und durchzusetzen sucht ( und ich selber früher musste deutliche Abstriche machen zugunsten von Geschwistern oder aus Mangel an Möglichkeiten!). Ganz gewiss stellt der Wertewandel mich in Frage, mit meiner Art des Lebens, mit meinen Grundsätzen.

 

Erfolgreich soll das Kind heute sein; möglichst nicht eingeschränkt auf nur einen , den schulischen Bereich. Der Erfolg soll in vielen ( allen ?) Lebensbereichen erkennbar sein, in dem das Kind sich bewegt.

Es soll sich zeigen und darstellen. bloß nicht untergehen in der Masse, bloß nicht sich übergehen / übervorteilen lassen.

Durchsetzungsfähigkeit ist gefragt, ein Feld, auf dem besonders das Einzelkind schon ausreichend „Trainingsmöglichkeiten“ mit seinen Eltern hatte.

Aktiv sein ist gefragt, die permanente Aktion als körperliche Unruhe, als kreatives Gestalten. Vieles darf hier gleichzeitig passieren. Lieber die Reizüberflutung in Kauf nehmen als die Langeweile aufkommen zu lassen. Freie Zeit muss geplant werden.

Selbstbestimmt soll das Kind das Eigene, das Besondere machen. Wenn es dann noch das Gemeinsame sieht und mitgestaltet, scheint die Erziehung rundherum gelungen.

Eigene Ziele sollen gesetzt und erreicht werden, Ansehen und Erfolge sollen sich einstellen. Sie müssen sichtbar sein, wenn sie etwas taugen wollen.

Die Eltern sind dafür bereit, einen hohen Preis zu zahlen. Der Mittelpunkt des familiären Lebens hat sich endgültig zu „dem Kind“ hin verschoben. Aber nicht nur Zeit und Geld werden reichhaltig investiert. Die Eltern sind auch bereit, ihr Kind über die eigenen Grenzen hinweg gehen zu lassen. Galt früher Grenzziehung als ein fundamentaler Aspekt im Erziehungsgeschehen, so hebt der Wert der kindlichen Selbstbestimmung dieses Fundament aus. Die fraglose elterliche Grenzte scheint es nicht mehr zu geben. Allenfalls können Eltern Grenzen als Diskussionsgegenstand ins Spiel bringen: „Solltest du nicht mal langsam schlafen gehen?“

 

Wir können um die alten Werte trauern: Bescheidenheit, Respekt vor den Älteren / Erwachsenen, Schweigen / Zuhören, Pünktlichkeit, sich einfügen, ein stiller Charakter, Gutes im Unsichtbaren tun, Verzichten, Aufschub, die Pflicht, die Gemeinschaft, etc! Aber zugleich spüren wir, dass die einfache Rückkehr zu den alten Maßstäben nicht die Antwort zu sein scheint. Anders als in der Zeit der Selbstbestimmung Anfang der 70iger Jahre ( „Muss ich schon wieder machen, was ich will?“), die stark durch das „Gegen“ der Anti-Autoritären Erziehung geprägt war, ist diese Phase jetzt – auf dem Boden der erreichten Freiheit – durch die Offenheit und Freiheit „für….“ geprägt. Und dieses „Freisein für….“ verlangt die individuelle Ausprägung.

Eine Fähigkeit muss dabei eindeutig entwickelt und gefördert werden. Kinder müssen in der Art der Bewältigung unterstützt werden. Das Übermaß an Reizen, die eher noch zunehmen werden, muss jedes Kind für sich auf ein gedeihliches Maß bringen können. Das betrifft zum einen die Auswahl: Von welchem Reiz lasse ich mich jetzt verlocken? Das betrifft die Anzahl: Wieviel vertrage ich, ehe „Verdauen“ einsetzen muss? Wie bekomme ich ein Gefühl für meine Ausdauer, meine Grenzen, kurz: für meine Gesundheit? Wie erhöhe ich auch die Frustrationstoleranz trotz allem nicht immer alles mitnehmen zu können. Neben der Ausbildung der Bewältigungsleistung muss parallel die Koordination gesteuert werden, nämlich die Fragen: Was passt zu mit? Wer bin ich? Welche Identität oder auch Teilidentitäten entwickele ich?

Vermutlich kommt es darauf an, im Moment die Fragen und die Infragestellung auszuhalten und nicht der Versuchung der vielleicht vorschnellen Antworten nachzugeben.

Dabei kommt der Gruppe ( = das Team der Erzieherinnen ) noch einmal Geltung zu. Den jüngeren Erzieherinnen ist diese neue Welt, in die die Kinder hinein begleitet werden, viel bekannter und vertrauter als den älteren im Team. Wenn die Jüngeren ihre Dinge „ungestraft“ als wichtige benennen dürfen und die Älteren sich trauen, ihre alten Wertmaßstäbe mit einem kleinen Fragezeichen zu versehen, dann kann das Gespräch untereinander – „Wie erleben wir unsere Welt und wie sehen wir das zukünftige Leben?“ – die gewaltigen Umwälzungen im KiTa-Bereich begleiten und absichern.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Hintergrundliteratur:

Cornelia Edding, Wolfgang Kraus: Ist der Gruppe noch zu helfen? Gruppendynamik und Individualisierung, Barbara Budrich Verlag, 2006

Hieraus insbesonders:

K. Geißler, Instant Beratung – Vom „Teamwork“ zum „Netzwork“

R. Wimmer, Der Stellenwert des Teams in der aktuellen Dynamik von Organisationen

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…muss einfach sein. Man sollte sich seine Kooperationspartner schon genau aussuchen!
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Bodo Wartke, Berliner Kabarettist und Pianist. Gefunden bei mac-essentials.de

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